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Kolumne: Was ist ein guter Artikel?

31. Mai 2006 / von aths / Seite 1 von 1


  I

Ob ein Artikel vom Leser für gut oder schlecht befunden wird, hängt erfahrungsgemäß primär davon ab, ob der Artikel seine Vorurteile bestätigt oder nicht. Kommt das "falsche" heraus, wird entweder die Testmethode kritisiert und ein Aufbau vorgeschlagen, der dann zum gewünschten Ergebnis führt. Oder der Autor wird als tendenzös denunziert. "Belegt" wird das "falsche" Ergebnis oft mit aus dem Kontext gerissenen Benchmark-Ergebnissen anderer Artikel aus dem Web.

Was aber kann ein Artikel überhaupt bieten? Viele Leser möchten sich einfach über aktuelle Entwicklungen informieren, einige suchen Kaufberatung. Wenn man dem Leser gute Kaufberatung anbietet, so dass er sein Geld sinnvoller einsetzen kann, kann man für diese Beratungsleistung auch einen kleinen Obolus verlangen. Für den Leser kostenlose Medien sind in der Regel durch Werbung finanziert. Natürlich sind die Sponsoren an zielgruppengerechter "Kommunikation" interessiert. Die redaktionelle Unabhängigkeit kann dabei in Gefahr geraten.

3DCenter hat nun das Glück, dass die Werbung nicht dominiert und uns Redakteure nicht beeinflusst. Auf der anderen Seite leidet darunter das Finanzpolster – nur der Chefredakteur kann halbwegs von den Einnahmen leben. Ein Lektorat sucht man bei 3DCenter leider ebenso vergebens wie große Hardware-Labore. Andererseits unterscheiden sich seit Jahren die einzelnen Modelle der unterschiedlichen Grafikkartenhersteller kaum noch. Und es ist für die meisten eigentlich uninteressant, ob ATI oder Nvidia das zehn Prozent schnellere Produkt hat.

Wichtiger ist eigentlich Kompatibilität, Ergonomie des Treiber-Panels – und, man muss es leider hinzufügen – die Option, so genannte "Optimierungen" abschalten zu können. Doch der typische Leser schaut primär darauf, wer jetzt wo um 5 fps besser abschneidet, um sich anschließend zu freuen, dass seine Firma eben doch die bessere ist, oder sich zu überlegen, wie man das Testergebnis wegdiskutieren kann. Ist der typische Leser etwa – ja, stellen wir die Frage: Ist der typische Leser dumm?

Das möchte ich bestreiten. Aber der typische Leser will es möglichst einfach, er möchte, dass das Testergebnis aufbereitet dargeboten wird, und der Autor nicht nur Zahlenwüsten anbietet sondern auch die Schlüsse daraus zieht, die in der Praxis von Bedeutung sind. Die meisten PC-Zeitschriften kommen dem Leser entsprechend entgegen und muten ihm keine komplexen Artikel zu. Gute Artikel, lautet die scheinbar sinnvolle Devise, sind für jedermann verständlich. Fachbegriffe werden so weit wie möglich vermieden oder bei Gebrauch in Kästen erklärt. Eigentlich eine sehr gute Idee, doch leider muss die Erklärung kurz und knapp sein, und darf keine weiteren Fachausdrücke verwenden.

Die Crux ist, dass so oft punktuelles Faktenwissen vermittelt wird, jedoch der Überblick über die Zusammenhänge leidet. Komplexe Materie kann man schlecht linear vermitteln, also von A über B nach C. Um ein komplexes Thema zu erläutern, muss man einige Sachen vorwegnehmen oder entsprechendes Wissen voraussetzen.

Ein zweites Problem ist, dass sich viele Leser nur die sofort erfahrbaren Auswirkungen interessieren. Beim Thema HDR-Rendering wird in Foren aktuell auf Grundlage persönlicher Erfahrung mit einzelnen HDR-Rendering-Realisierungen diskutiert. Wie HDR-Rendering funktioniert und was es eigentlich bedeutet, interessiert nur wenige. Aber ohne dieses technische Wissen kommt man schnell zu falschen Schlüssen. Gerade im Printbereich sind Artikel gesucht, die für den Leser letztlich als Grundlage für Tuning genutzt werden können. Vermittlung von Zusammenhängen ohne sofortigen Nutzen bereiten jedem Chefredakteur Bauchschmerzen. Nur wenige Magazine leisten sich den Luxus, wenigstens hin und wieder Theorie zu bringen.


  II

Eine persönliche Bemerkung: Ich habe einen langen Lernprozess hinter mir, der noch längst nicht abgeschlossen ist. Wenn ich meine eigenen Artikel ansehe, die ein bis zwei Jahre alt sind, denke ich oft: "OMG, da steht so viel ungenaues drin, und einiges ist ja richtig falsch!". Doch ich hoffe, über meine heutigen Artikel in ein bis zwei Jahren das gleiche zu denken.

Die Bereitschaft, eine Entwicklung durchzumachen, erwarte ich auch vom Leser. Dazu gehört die Erkenntnis, dass ATI nicht besser oder schlechter ist als Nvidia, AMD nicht (moralisch oder technisch) Intel überlegen – weil das Kategorien sind, die den Blick auf das Wesentliche verstellen: Das zu bewertende Produkt. Im aktuellen Konsolenkrieg das gleiche: Fakten werden danach bewertet, ob es "seiner" Firma nützen oder schaden könnte. Nach dem gleichen Kriterium werden Testberichte für gut oder schlecht gehalten.

Dabei möchte ich dem Leser kein bewusstes Faktenverdrehen unterstellen. Jeder Mensch hat einen Informationsfilter, vieles was unsere Sinnesorgane wahrnehmen, kommt gar nicht erst bei uns im Bewusstsein an. Um uns auf das Wesentliche konzentrieren zu können, bewerten wir – unbewusst – eingehende wichtige Informationen schnell auf ihre Richtigkeit, wobei das "richtig" ist, was unser Weltbild bestätigt. Der Versuch, objektiv zu sein, ist insofern widernatürlich – weil man dafür scheinbar gesichertes Wissen immer wieder neu hinterfragen muss, und die Offenheit mitbringen, sich von einfachen Erklärungen zu lösen.

Auf der anderen Seite würden extrem nüchtern geschriebene Artikel nur wenige Leser ansprechen. Etwas Pep in die Sache zu bringen, auch mal eine gehässige Bemerkung fallen zu lassen, das lockert Artikel auf. Leider fühlen sich die Fans des betroffenen Unternehmens dadurch verletzt.

Wenn man eine beliebige Sache beweisen will, finden sich fast immer Indizien dafür, egal wie absurd die zu beweisende Sache ist. Die Kunst liegt im Weglassen der Tatsachen, die dagegen sprechen. Der oben angesprochene Filter sorgt nun dafür, dass man oft gar nicht bewusst wahrnimmt, was man alles weglässt.


  III

Die beiden bisherigen Abschnitte zusammengefasst könnte man sagen: Schlechte Artikel sind gute Artikel, weil sie den eigenen Horizont erweitern können. Das gilt natürlich nicht generell. So sind im Web wie in einigen Printmedien Artikel zu finden, die nicht von Fachleuten stammen – höflich gesagt – und wirklichen Unsinn verbreiten. Auf der anderen Seite sind es vor allem die Halbwissenden, die daraufhin in Foren über die unfachlichen Artikel ablachen. Hier auf 3DCenter sind im Archiv einige Artikel aus meiner Hand zu finden, über die man schreiben sollte: "Bitte nicht ernst nehmen", weil sie teils auf falschen Annahmen wie auch auf schlichtem Unwissen basieren.

Das Problem beim Kampf gegen das Unwissen ist, dass man für den Normalanwender einen Weg finden muss, wie man sich von außen, von seiner Erfahrungswelt, nach innen vortasten kann. Um von innen nach außen zu gehen, wäre ein mathematisches Vorwissen nötig, was vielleicht ein interessierter Student der Elektrotechnik mit Vordiplom hat. Geht man von außen nach innen, lohnt es sich, zunächst eigentlich falsche Sachen zu schreiben, um diese in einer nächsten Stufe zu konkretisieren. Zum Problem wird es, wenn die Vereinfachungen durch Verbreitung zur allgemein anerkannten Tatsache werden.

Sich gegenüberstehende Gruppen reden oft einander vorbei. Jede Fraktion hat für ihre Meinung mindestens ein gutes Argument und versteift sich darauf. Gegenargumente werden nicht mit in Betracht bezogen und abgewogen, sondern sind nur dazu da, wegdiskutiert zu werden. Dies ist das Hauptproblem: Einzusehen, dass man trotz eines sehr guten Argumentes insgesamt falsch liegen kann. Als zweites Problem sehe ich die mangelnde Bereitschaft, sich um tiefergehendes Wissen ("Theorie") zu bemühen, um sich stattdessen mit der eigenen Alltagserfahrung ("Praxis") zufriedenzugeben.

Zunächst zu behaupten, dass anisotrope Filterung jene Texturen schärfe, die in die Tiefe gehen, während Antialiasing Polygonkanten glätte, und HDR-Rendering für Überstrahl-Effekte sorge, bestätigt die Alltagserfahrung des Lesers. Was darüber hinausgeht, interessiert viele Leser nicht mehr. Doch "wahrnehmungsorientierte" Erklärung verhindert die Aufnahme tiefergehenden Wissens. Denn die Alltagserfahrung kann nur einzelne Situationen bewerten. Außerdem besteht die Gefahr, falsche Zusammenhänge zu sehen.

Die Zusammenhänge werden oft so konstruiert, dass sie die eigenen Vorurteile bestätigen. Frei nach einem Sprichwort, dessen Autor ich leider nicht kenne: "Intelligenz ist das am gerechtesten verteilte Gut. Jeder glaubt, genug davon zu besitzen – und vielleicht sogar ein wenig mehr als sein Gegenüber." Wenn man von dem Trip herunterkommt, kuscht man dann vor den Fanboys, die es zu bekämpfen gilt? Nein, es nützt primär dem eigenen Nervenkostüm: Man sieht nicht gleich rot und will sich in die Schlacht werfen, um die Flagge der "Wahrheit" hochzuhalten. Man sieht im Gegenteil, dass es für fast alles Pro- und Kontra-Argumente gibt, und die "Wahrheit" eine Frage der Gewichtung der Argumente ist.

So sollten auch Artikel eingeschätzt werden, die für sich genommen tatsächlich tendenziös sind: Sofern er dem Leser etwas neues beibringt – wozu der Leser allerdings die Bereitschaft mitbringen muss – ist es ein guter Artikel. Wer dazulernen will, sollte gerade Artikel der "Gegenseite" lesen.






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